Die Ostsee entdecken - SK "Meeresbiologie"
Dass unser „Hausgewässer“ die Ostsee mehr zu bieten hat, als man gemeinhin denkt, weiss wohl jeder, der regelmäßig in die brackigen Fluten steigt. Das Randmeer des Nordatlantiks vor unserer Haustür ist durch eine äußerst faszinierende Ökologie gekennzeichnet.
Nicht nur die Sichtweiten, Temperaturen etc. unterliegen starken, saisonalen Schwankungen – auch alle Lebewesen der Ostsee sind einer starken Saisonalität unterworfen. Darüberhinaus ist auch der Salzgehalt des Meerwassers eine echte Herausforderung an die Anpassungsfähigkeit der in der Ostsee beheimateten Tiere und Pflanzen. Vor allem im westlichen Bereich der Ostsee unterliegt auch der Salzgehalt z.T. enormen wetterabhängigen Schwankungen. Starke, stabile Westwindlagen sorgen für den Zustrom von frischem, sauerstoffreichem und stark salzhaltigem Wasser aus der angrenzenden Nordsee. Je nachdem, wie stark und andauernd diese Einstromlage ist, breitet sich dieses Wasser bis in die tiefen Becken der zentralen Ostsee aus.
Doch nicht nur das Meerwasser aus der Nordsee dringt in die Ostsee ein. Im Zuge des allgegenwärtigen Klimawandels und auch durch den Eintrag von Ballastwasser durch Containerschiffe gelangen Arten in die Ostsee, die ihren Verbreitungsschwerpunkt eigentlich eher weiter im Süden haben oder aber aus einem ganz anderen Meeresgebiet stammen. Der Einflussgrad jener Arten kann von „nicht existent“ bis „eventuell bedrohlich“ reichen. Jüngste und beeindruckendste Beispiele dürften wohl Fänge von Schwertfischen vor Rügen oder auch die allgegenwärtige Sichtung der invasiven Rippenqualle Mnemiopsis leidyi sein.
Auch ohne die Zuwanderung gebietsfremder Arten ist die Ostsee ein höchst dynamisches und interessantes System. Im Rahmen von Spezialkursen „Meeresbiologie“ werden dem interessierten Taucher wichtige Hintergründe und Zusammenhänge in diesem System vermittelt. Die Themenkreise reichen von der Hydrographie über die Topographie der Ostsee, von der Entstehung und Geschichte der Ostsee hin zu Sedimenten, Pflanzen und Tieren der Ostsee. Neben einem Basiswissen in Artenkenntnis wird auch Wert darauf gelegt, einen Einblick die Lebensgemeinschaften der Ostsee zu vermitteln. Praktische Tauchgänge runden den Kurs ab und verhelfen dann zum gewünschten „Aha!“-Erlebnis.
Die angefügten Abbildungen zeigen die Ergebnisse mehrerer Tauchgänge entlang zweier vorgegebener Transekte am Falckensteiner Strand in der Kieler Förde aus dem SK Meeresbiologie vom Oktober 2008. Die Aufgaben bestanden darin, entlang eines mit einem Maßband ausgelegten Transektes die Tiefenverteilung von Sedimenttypen und der assoziierten Fauna und Flora zu erfassen.
Auf dem Transekt a wurde leider kein Sediment protokolliert. Dennoch erkennt man eine klare Tiefenzonierung von Pflanzen. Den oberen Flachwasserbereich bis in ca. 3 m Tiefe bildet eine dichte Seegraswiese (Zostera marina). Dann fällt der Meeresboden relativ steil über eine Strecke von ca. 30 m auf 7 m Tiefe ab. Genau in der Senke erkannte man eine kleine Zone anoxischen Sediments. Das heißt, dass dort direkt über dem und im Sediment Sauerstoffmangel herrschte, was durch die Präsenz von Beggiatoa-Matten (Schwefelbakterien) angezeigt wird. Im weiteren Verlauf des von dort an relativ ebenen Profils wurden im tieferen Bereich (6-7 m) Rotalgen protokolliert.
Das weiter südlich gelegen Profil b unterscheidet sich deutlich vom nördlichen Profil a: Die Sedimentverteilung lässt erkennen, dass im Flachwasserbereich bis in etwa 4.5 m Tiefe Sand den Untergrund bildete. Am ebenfalls relativ steilen Hang, der bis in eine Tiefe von ca. 10 m abfällt, besteht das Sediment aus einem Gemisch von Sand und Schlick. Im tiefsten Bereich besteht der Untergrund ausschließlich aus Schlick. Die Verteilung von Pflanzen folgt ebenfalls einer gewissen Zonierung: Im oberen Bereich bis in 4m Tiefe ist eine dichte Seegraswiese zu finden, die relativ abrupt endet. Am Hang sind vereinzelte Rotalgenfelder protokolliert. Diese Rotalgen sind in unterschiedlichen Dichten entlang des gesamten Transekts bis in die größte erreichte Tiefe (11 m) protokolliert. Auch in Transekt b wurde am Fuß des Hangs auf einer Strecke von ca. 42-48 m in knapp 9 m Tiefe eine anoxische Zone protokolliert. Das Tiefenprofil von Transekt b zeigt eine Abfolge von Hebungen und Senken im Profilbereich ab 70 m. Der Boden steigt von 11 m Tiefe auf knapp 8 m an, fällt dann wieder auf 9 m ab und steigt wieder an. Im tiefen Bereich dieser Senken wurde auch der Zuckertang (Saccharina latissima) protokolliert. In diesem Bereich wurden auch dichte Miesmuschelkolonien (Mytilus edulis) verzeichnet.
Auch die weitere erfasste Fauna konnte gewissen Zonen zugeordnet werden. So wurden im flachen sandigen Bereich Wattwürmer (Arenicola marina), Sandgarnelen (Crangon crangon), Schwertmuscheln (Ensis sp.), Herzmuscheln (Cerastoderma sp.) etc. gefunden. In tieferen, schlickigeren Bereichen wurden Seesterne (Asterias rubens) und diverse Fadenschnecken (Facelina sp.) protokolliert. Im tieferen Wasser wurden Schwämme und eine Gespensterkrabbe (Macropodia rostrata) verzeichnet. Auch an Fischen wurde ein breites Ostseespektrum der litoralen Fischfauna verzeichnet: Grundeln (Pomatoschistus sp.), Dorsche (Gadus morhua), Butterfische (Pholis gunnellus), Klippenbarsche (Ctenolabrus rupestris) und Flundern (Platichthys flesus).
Man merkt also: Wenn man mit offenen Augen durch die Flachwasserbereiche unseres Hausgewässers taucht, erkennt man Tiere und Pflanzen, ganze Lebensgemeinschaften, die sich mit der Artenvielfalt tropischer Meere zwar nicht vergleichen und messen lassen, aber ungeahnte Einblicke in ein faszinierendes und doch fragiles Ökosystem vermitteln. Das nötige Hintergrundwissen bekommt man am besten in entsprechenden Spezialkursen "Meeresbiologie" des VDST vermittelt. Und wenn man sich dann mit dem neu hinzugewonnenen Wissen auch noch aktiv für die Erfassung und den Schutz der Artenvielfalt der Ostsee einsetzen will, lohnt sich die Teilnahme am "Tauchermonitoring der Ostsee".


